Freitag, 30. Januar 2009

Flammenbaum und Sky Lords

Rätselhafte Geschichte der Mixteken

Gisela Ermel

In: Sagenhafte Zeiten, Nr. 1, Beatenberg 2007





Wer waren die Mixteken? Für die Archäologen bedeutet es ein noch ungelöstes Rätsel der Vergangenheit, dass dies Volk - wie aus dem Nichts - erst im 7. Jahrhundert in Erscheinung trat. Ausgrabungen in Oaxaca, einem Gebiet südwestlich von Mexico City, das bis an die Pazifikküste herabreicht, brachten zutage, dass hier zuvor bereits die Zapoteken ansässig waren, die dann von den Mixteken überrollt wurden. Woher diese kamen, ist unbekannt. Sie selbst nannten sich Nudzahui, die "Leute des Regengottes. (1 + 2) Doch die Azteken nannten ihre Nachbarn Mixteken: "Volk aus dem Wolkenland". (1)

Trotz der kleinen Königtümer ohne Zentralregierung hatten die Mixteken ein sehr ausgeprägtes Zusammengehörigkeitsgefühl und eine gemeinsam überlieferte Geschichte, die sie später in Bilderhandschriften niederlegten. Die Mixteken waren die besten Goldschmiede Mittelamerikas und kannten eine ganze Reihe verschiedener Metalle sowie Edelsteinbearbeitungstechniken. Wo und von wem die bei den Mixteken bereits voll ausgebildete Goldschmiedekunst entwickelt wurde, ist unbekannt, vermutet wird jedoch, dass sie die Metallverarbeitung aus den südlichen Gebieten (Panamá, Kolumbien, Ecuador) erlernten. (3)

Im westlichen Teil des modernen mexikanischen Bundesstaates Oaxaca finden derzeit nur wenige archäologische Ausgrabungen statt, da hier schwierige Verhältnisse herrschen, die gar nichts mehr gemein haben mit der Romantik der frühen Ausgräberzeit. Alfonso Caso beispielsweise konnte noch in den 1930er Jahren in Monte Alban, unweit der Stadt Oaxaca, seelenruhig einen unglaublich reichen Begräbnisschatz ans Tageslicht fördern, darunter einen Bergkristallschädel und wunderschöne goldene Artefakte, die meisterhaft von mixtekischen Metallbearbeitern hergestellt worden waren.

Heute müssen sich die Ausgräber mit massivem Widerstand der Einheimischen auseinandersetzen und haben Schwierigkeiten bei zuständigen Ämtern. Archäologen wird der Zugang zu Ausgrabungsstätten verweigert oder das Betreten von Privatland nicht gestattet, und Anwohner als auch Amtspersonen wechseln listig von Spanisch zu Eingeborenen-Dialekten, um die Kommunikation zu erschweren.

Viele mixtekische Ruinen zerfallen inzwischen mit beängstigender Geschwindigkeit. Hinzu kommt, dass an zahlreichen Stätten die spanischen Eroberer im 16. Jahrhundert mit Vorliebe ihre Kirchen und Häuser direkt auf alte Tempel- oder Palastruinen erbauten, so dass hier neben Wind und Wetter auch noch das schwere spanische Mauerwerk zur allgemeinen Zerstörung beiträgt. (4)

Von den zahlreichen mixtekischen Stätten wurden bislang lediglich Monte Alban und Mitla archäologisch genauer erkundet. Beides sind uralte Städte, deren Gründung bis ins 5. oder 6. Jh. v.Chr. zurückreicht und die die Mixteken nicht erbauten, sondern von den Zapoteken eroberten. Unsere Kenntnisse über die Mixteken sind mehr als lückenhaft. Mixtekische Artefakte oder Ruinen aus der Zeit vor dem 7. Jh. gibt es nicht. Was dies bedeutet, ist noch völlig unklar.

Folgende Fakten geben noch immer Rätsel auf:
  • Die Mixteken bzw. deren Kultur tauchen archäologisch gesehen erst ab dem 7./8. Jh. auf.

  • Die Mixteken überliefern in ihren Bilderhandschriften, dass ihre Dynastiegründer und / oder Ahnen aus Apoala-Achiutla stammten, dort "mirakulös geboren" aus einem Flammenbaum. Das früheste Datum der Codices - 692 n.Chr. - steht im Codex Bodley und bezeichnet das Jahr, in dem die "überirdische" Gründerin der ersten Dynastie, Lady Eins Tod, per Flammenbaum die mittelamerikanische Welt betrat. Die göttliche Abstammung bedeutete den Mixteken so viel, dass sie ihre Herrscher der verschiedenen Dynastien und Königtümer eher mit Schwester oder Bruder verheirateten, als die göttliche Abstammungslinie enden zu lassen. Die Herrscher der Königtümer hiessen Yya, ein Wort, das sowohl "Gott" als auch "Herr" bedeutet. (1 + 2 + 5 + 6)

  • Die Mixteken überliefern in ihren Bilderhandschriften, dass es Kontakt gab zwischen vom Himmel herabgestiegenen Personen und den Erdbewohnern. Die herabgekommenen Wesen werden von den Bilderhandschriftenforschern als Sky Lords, "Herrscher des Himmels" bezeichnet, im Gegensatz zu den irdischen Herrschern, den Earth Lords. Zur Ausstattung dieser Sky Lords gehörten rätselhafte Stäbe, die man in Szenen in Tempeln abbildete. Zudem trugen sie "Heilige Bündel" bei sich, die ebenfalls in das Bildprogramm der Tempel integriert wurden und die in vielfältige Rituale involviert sind. Seltsame Objekte, "Masken" und "Verkleidungen", die man später an Priestern sieht, die diese Sky Lords imitierten, vervollständigten die Ausrüstung dieser himmlischen Gesandten. (5 + 7 + 8)

Apoala - die Flammenstadt

Inmitten der heutigen Provinz Mixteca Alta befindet sich eine sagenumwobene Örtlichkeit: Apoala-Achiutla. Für die Mixteken begann genau hier alles: das Auftauchen mehrerer göttlicher Ahnen, der Begründer der mixtekischen Königshäuser. Und hier stiegen etwas später geheimnisvolle Sky Lords mehr als einmal von "droben" auf die Erde herab, ausgestattet mit rätselhaften Gegenständen. Die Bilderhandschriften beschreiben diesen Ort als Stätte der Flammen und als Ort der Herabkunft der Gründer des mixtekischen Reiches mit seinen kleinen Königtümern und Dynastien. Die Rede ist auch von einer "Flammenstadt" oder "Nuundecu", was "Ort des Brennens" bedeutet. (5 + 6 + 7)

Der Codex Bodley bildet bei Apoala einen von Flammen umgebenen "Baum" ab, aus dem die Vorfahren der mixtekischen Herrscherfamilien herauskommen. Hier sehen wir den Event des Jahres 692 n.Chr., das Ereignis, das uns die Ankunft von Sky Lady Eins Tod zeigt. (9 + 10)


Der Codex Vindobonensis startet mit der später von den Historikern als Blatt 37 bezeichneten Seite. Man nennt sie "Baumszenen-Seite", und auf ihr sieht man Götter, die rätselhaften Beschäftigungen nachgehen, die zu tun haben mit einem grossen baumartigen Gegenstand im Zentrum der Szene.




Blatt 37 des Codex Vinbobonensis: die "Baumszenen-Seite"



Aus dem baumartigen Objekt heraus werden "mirakulös geboren" (so die Umschreibung mehrerer Bilderhandschriftenforscher) Männer und Frauen, die ersten Herrscher des nun beginnenden Mixtekenvolkes. Ihre Namen werden auf den folgenden Seiten aufgelistet, darunter Lord Eins Blume und Lady Dreizehn Blume, die in einer späteren Szene heiraten und bekannt sind als Ahnen des berühmten Mixtekenherrschers Acht Hirsch. (1 + 7 + 11)

Oder nehmen wir die Genealogische Liste der Fürsten von Jaltepec. Hier kommt ein Mann im "Ort der Flammen" aus einem Baum hervorgeklettert. Der Baum sehe aus, als sei er von "Nacht- und Nebelschlangen" umwunden. (12)

Der Codex Selden zeigt gleich zu Beginn die "Geburt" von Lord Zwei Gras aus dem Baum von Achiutla. Der Baum ist mit einem "Auge" versehen, das in mixtekischen Codices identisch ist mit dem Zeichen für "Stern". Umwunden wird der geheimnisvolle "Baum" von zwei schlangenartigen Objekten, eines davon mit Daunenbällen ausgestattet, dem Symbol für "fliegen". (13 + 14)





Codex Selden Seite 2: Hier wird die "Baumgeburts-"Szene gezeigt



Was hat man nicht alles in diesen "Baum" von Apoala hineingedeutt, der den Beginn der überlieferten mixtekischen Geschichte markiert. Wenig brauchbar sind die Schilderungen früher spanischer Chronisten und Autoren. Mal heisst der Ort Apoala, dann wieder Achiutla, dann wieder wird vermutet, beide Orte seien identisch oder beisammenliegend. Man stellte sich reale Bäume vor wie die in einer volkstümlichen Version aus der späten Kolonialzeit. In dieser Geschichte wird von zwei riesigen Bäumen erzählt, die am Ufer des Achiutla-Flusses auf dem Land Apoala standen und die in einigem Abstand voneinander wuchsen. Diese Bäume nun sollen sich ineinander verliebt haben, so sehr, dass sie ihre Zweige und Wurzeln miteinander verbanden. Aus dieser perfekten Liebe sei das erste mixtekische Paar geboren worden, die Ahnen aller mixtekischen Dynastien. (13)

Diese späten Versionen haben nicht mehr viel zu tu mit dem baumartigen, Flammen ausstrahlenden oder mit"fliegenden Schlangen" umwundenen Gegenstand der viel älteren mixtekischen Bilderhandschriften. Von einem "Baum" reden ja überhaupt erst die historischen Quellen und die heutigen Bilderhandschriftenforscher. Die ursprüngliche Bezeichnung und Bedeutung der Mixteken kennen wir nicht.

Die Dorfbewohner des heutigen Apoala wollen immer noch wissen, wo sich die Stelle befindet, an der der Flammenbaum einst stand. (15) Aber wir können uns noch nicht einmal sicher sein, wo genau sich die prähistorische Stätte Apoala befand. Nahe dem heutigen Ort Santiago Apoala gibt es in der Tat einen archäologischen Fundplatz, doch hier hat noch keine umfangreiche Ausgrabung stattgefunden.

Von dem zweiten Ort, Achiutla, der möglicherweise aber mit Apoala identisch war, wissen wir, dass diese "Flammenstadt" das Zentrum eines bedeutenden mixtekischen Königtums darstellte. Auf heutigen Landkarten sind die Orte San Miguel Achiutla und San Juan Achiutla verzeichnet. Diese Stätten, ebenso wie Santiago Apoala, befinden sich in der Nähe von Tilantongo, dem ehemaligen "Haus des Himmels", der "Schwarzen Stadt mit dem Himmelstempel", der ersten Hauptstadt des Mixtekenreiches. (15)
Achiutla war nicht nur eine bedeutende Königsstadt, Achiutla war auch das Hauptkultzentrum der Mixteken. Dieser Ort, so erfährt man aus den Bilderhandschriften und den Werken früher spanischer Chronisten, hatte ein mächtiges Orakel, das von Ratsuchenden aus nah und fern aufgesucht wurde. Noch zur Zeit der spanischen Eroberer hiess es, dort werde ein riesiger, geheimnisvoller, sprechender Smaragd aufbewahrt und verehrt, bekannt als das "Herz des Volkes". Bis in die Eroberungszeit hinein soll dieses Orakel aufgesucht worden sein. Als sich in Tenochtitlan, der grossen Aztekenmetropole, die Kunde verbreitete, dass fremde Weisse an der Küste gelandet seien, soll Montezuma, der Herrscher der Azteken, den Hohepriester von Achiutla konsultiert haben. Der liess seinem nicht sehr geliebten Nachbarn ausrichten, dass das Orakel das Ende des Aztekenreiches vorausgesagt habe. Das Orakel behielt recht.
Als dann die ersten Eroberer bis ins Gebiet der Mixteken vordrangen - erst gut 30 Jahre nach der Unterwerfung von Tenochtitlan - war der "sprechende Smaragd" verschwunden. (1) Die bald folgenden Dominikaner erbauten ihre katholischen Kirchen direkt auf dem Berggipfel auf dem durch die Spanier zerstörten Orakeltempel. Sollte sich hier einst ein Tempel befunden haben, in dem ein Gegenstand aufbewahrt wurde (oder eine Imitation desselben), der einst zur Ausstattung der vom Himmel herabsteigenden Lords gehört hatte?

Herabkunft vom Himmel
Eine Bilderhandschrift der Mixteken, die von solch einem Besuch herabsteigender Sky Lords berichtet, ist der Codex Zouche-Nuttall (16 + 17 + 18). Die Ereignisse, die hier comicartig dargestellt wurden, umfassen die Zeit zwischen 838 und 1330 n.Chr., jedoch nicht streng chronologisch, was diese Bilderhandschrift wie viele andere sehr schwer interpretierbar macht.
Seite 18 dieses Codex beschreibt die Herabkunft einiger Himmelsbewohner auf die Erde. Man sieht oben in der "im Himmel" spielenden Szene zwei Götter thronen, zwischen ihnen eine "Sonne mit dem Zeichen für Bewegung im Innern" (so der Codex-Forscher John Pohl). Aus einer Öffnung unten am Himmel hängt ein "Federseil" herab, und hinunter schreiten Sky Lord Drei Feuerstein mit dem so rätselhaften Venus- oder Quincunx-Stab sowie die Sky Lords Zwölf Wind, Fünf Hund und ein namentlich nicht genannter weiterer Sky Lord.


Codex Zouche-Nuttall Seite 18

Ein "Heiliges Bündel" (als solches einhellig von allen Bilderhandschriftenforschern identifiziert) steht bereits abtransportfähig vor Sky Lord Zwölf Wind auf dem Erdboden am Ende des Federseils. Die Szene der Ankunft auf dem Erdboden spielt an einer Örtlichkeit, die dank der hinzugefügten Ortsglyphe durch Maarten Jansen als Apoala indentifiziert werden konnte. Warum diese Sky Lords nicht wieder aus einem "Flammenbaum" klettern, sondern an einem "Federseil" auf die Erde herunterturnen, ist ungeklärt. Bei diesem ersten Kontakt mit Sky Lord Zwölf Wind und dessen Begleitern steht eine Empfangsdelegation eingeborener Personen mit Geschenken bereit, in einer späteren Szene hat man offensichtlich etliche Ausrüstungsgegenstände der Sky Lords in und vor einem Tempel deponiert: im Tempel das Heilige Bündel, vor dem Tempel u.a. der mysteriöse Venusstab.


Ausrüstungsgegenstände der Sky Lords: im Tempel das Heilige Bündel, davor die rästelhaften Stäbe: Codex Zouche-Nuttall

Auf Seite 19 dieses Codex wird eine zweite Herabkunft einiger Himmelsbewohner auf die Erde dargestellt. Der Zweck dieses Besuches ist die Vermählung von einem dieser Sky Lords - Lord Zwölf Wind - mit einer Eingeborenen-Frau - Lady Drei Feuerstein die Jüngere.


Codex Zouche-Nuttall Seite 19: zweite Herabkunft der Sky Lords

Am oberen rechten Seitenrand sieht man zunächst eine Szene, die im Himmel spielt. Lord Zwölf Wind sitzt zwischen merkwürdigen Gestalten, zwei sog. "Gefiederten Schlangen", aus deren geöffnetem Rachen jeweils ein Götterkopf hervorschaut. Die Szene ist umrandet von Sternen, Sonne und Mond, und in der Mitte des Himmels führt auch hier wieder ein "Federseil" aus einer Öffnung herab bis hinunter auf die Erde. Man sieht Sky Lord Zwölf Wind und seine Begleiter zunächst kopfunter vom Himmel herabturnen, dann schreiten sie auf dem Seil weiter der Erde entgegen. Einer der Sky Lords trägt dabei ein Heiliges Bündel auf dem Rücken. Wieder werden die Besucher von droben empfangen von einer Delegation von Eingeborenen mit Geschenken.
Die zweite Hälfte der Doppelseite schildert sodann die Heirat von Sky Lord Zwölf Wind mit Lady Drei Feuerstein die Jüngere. Schon ihre Mutter, Lady Drei Feuertein die Ältere, hatte einen Sky Lord geheiratet, Lord Fünf Blume. Dessen Herabkunft vom Himmel wird auf Seite 14 des Codex durch eine Fussspur zwischen Himmel und Erde dargestellt.
In späteren Szenen dieses Codex tauchen einige der Ausstattungsgegenstände der Sky Lords in Tempeln auf oder als Mittelpunkt verschiedener Riten. Kam so ein Heiliges Bündel an die spätere Orakelstätte Achiutla? Aus anderen Codices und historischen Dokumenten (Codex Boturini, Codex Borgia, Duran, Pomar, Camargo, Chimalpahin, Tezozomoc, Sahagun u.a.) wissen wir, dass das Heilige Bündel die Sprache eines Gottes oder Himmelswesens übertrug. (19 + 20) Ein Kommunikationsgerät? Von fern und nah aufgesuchte Orakelstätten der Mixteken gab es auch in Chalcatongo und in Mitla, dort "Der Grosse Seher" genannt. (1 + 7)
Nirgendwo anders tauchen so viele Heilige Bündel auf, wie in den mixtekischen Codices. Die Mixteken hatten verschiedene Zeremonien, bei denen ein Heiliges Bündel die zentrale Rolle spielte. Dieser Gegenstand war ein wichtiges Requisit beim Amtsantritt der mixtekischen Herrscher, wie z.B. bei der Königsweihe von Lord Vier Wind im Jahr 1067 (Codex Bodley)


Codex Bodley: Lord Vier Wind reist nach seiner Amtseinführung mit dem Heiligen Bündel, dessen Hüter er nun ist, per Boot in seinen Palast

Der Amtsantritt fand statt im "Tempel des Heiligen Bündels". Das Heilige Bündel selbst wird als wichtigster Gegenstand neben dem Herrscher stehend gezeigt. (10) Auch beim Amtsantritt des berühmt-berüchtigten Mixteken-Herrschers Acht Hirsch, Regent in der Hauptstadt Tilantongo und Eroberer zahlreicher Städte, stand im Jahr 1045 ein Heiliges Bündel neben dem neuen Herrscher, dessen Hüter er sodann wurde. (16 + 17 + 18) So stellt es der Codex Zouche-Nuttall dar. Acht Hirsch gilt als Nachkömmling göttlicher Ahnen von Apoala, den "Baumgeburten" Lord Eins Blume und Lady Dreizehn Blume. (21 + 22)
Aus Dokumenten über die mittelalterlichen Inquisitionsprozesse, die auch in Mexiko durchgeführt wurden, wissen wir, dass u.a. in Yanhuitlan ein "heidnischer Priester", Lord Sieben Affe, ein Heiliges Bündel gehütet habe, mit dem er "rede", wenn er Rat brauche, so der Angeklagte des Prozesses, der diesen Priester bei sich beherbergte. Lord Sieben Affe aber war ein Nachkomme des legendären Mixtekenherrschers Acht Hirsch und damit ebenfalls Nachkömmling der mysteriösen "Baumgeburten". (23 + 24)
Für die Mixteken war das Heilige Bündel - ein Gegenstand, den die Sky Lords von "droben" mit auf die Erde herab gebracht hatten - so wichtig, dass vor ihm geopfert wurde. Vor diesem Kultobjekt wurde geräuchert, ihm wurden Herzen und Adler geopfert, vielleicht sogar Kriegsgefangene. Heilige Bündel spielten eine Rolle bei Heiratszeremonien, wurden auf Eroberungszüge mitgeschleppt, und schon vor dem Kriegszug wurden sie um Rat "angerufen". (19 + 20)
Die mixtekischen Bilderhandschriften schildern noch etliche weitere Besuche von "droben". Lady Eins Tod, von den Bilderhandschriftenforschern als "Überirdische", Sky Lady und "Baumgeburt" umschrieben und laut Codex Bodley im Jahr 692 per Flammenbaum in die Geschichte der Mixteken getreten, erscheint auch im Codex Zouche-Nuttall. (16 + 17 + 18)


Codex Zouche-Nuttall: Szenen mit Lady Eins Tod

Über der Szene links sieht man einen Himmel, als Wohnung bezeichnet von Fünf Schlange und Vier Haus, daran eine Sonnenscheibe, die hier jedoch ganz unüblich dargestellt ist mit einem rechteckigen herabhängenden Strahlenband mit Daunenbällen und einem Totenschädel im Innern der Scheibe. Unten auf der Szene befindet sich die merkwürdige Sonne auf einem Hügel hinter Lady Eins Tod, vor der eine Gestalt mit "Vogelverkleidung" marschiert sowie ein Adlerwesen. Zwischen Himmel und Hügel befindet sich ein Tempel, in dem als einziger Gegenstand ein Heiliges Bündel steht. Auf dem Platz vor dem Tempel wieder der Mann, der zuvor die Vogelverkleidung trug, diesmal ausgestattet mit einer "Regengottmaske" vor dem Gesicht. Vor ihm steht das Adlerwesen, und hinter ihm sieht man Sky Lord Zwölf Wind mit einem Veusstab, auf dem Rücken einen kleinen Tempel mit Heiligem Bündel tragend.
Von dieser Szene verstehen wir bis heute so gut wie nichts! Der Ort der Handlung wird bezeichnet als "Hill of the Sun", und einige Bilderhandschriftenforscher identifizieren ihn mit Apoala-Achiutla. Die Forscher Byland und Pohl (15), die die Gegend um San Miguel Achiutla bereisten, vermuten, dass der Berg Yucu Gandi oberhalb einer noch unausgegrabenen archäologischen Stätte dieser "Berg der Sonne" sei. Mixtekische Artefakte gibt es in dieser Region aus der Zeit ab ca. 800 n.Chr. Gut hundert Jahre später gab es hier das Zentrum des Königtums von Achiutla mit dem Orakel-Kulttempel. An diesem Ort müssen sich damals wichtige und gerade für die Palöo-SETI-Forschung interessante Geschehnisse ereignet haben, doch für die Archäologie ist diese Region noch Neuland, und es gab bisher ausser wenigen Oberflächenbegehungen noch keine Erforschung. Was mag hier unter der Erde auf eine Entdeckung warten?
Der Codex Selden (13 + 14) schildert das Herabkommen der Sky Lords - beide Eins Wasser genannt - und der Sky Lady Drei Adler auf eine ganz andere Weise. Hier gibt es keinen Flammenbaum, kein herabhängendes Himmelsseil und keine auf dem Hügel "parkende Sonne", sondern hier schiessen zwei Götter einen Pfeil auf die Erde herab, worauf aus der Einschlagsstelle hevor die Sky Lords die Erde betreten. Es sind die Gründer der Dynastie von Jaltepec, später durch Heirat mit "Baumgeburt" Lord Zwei Gras aus Apoala verbunden. Jaltepec war übrigens zur Zeit der Mixteken ein bedeutendes Zentrum für Edelsteinbearbeitung; einer der berühmten Kristallschädel soll von hier stammen. Spätere Szenen des Codex, die in Jaltepec spielen, zeigen ein Heiliges Bündel in einem Tempel, vor dem Tabakopfer dargebracht werden. Ein Hügel an der Stelle des alten Palastes, heute "Vehe nuhu" genannt, erinnert mit diesem Namen noch immer an den Nuhu-Tempel, den Tempel der Nuhu = der "Sternenmänner aus dem Himmel". (15)

Rätselhafte Ikonographie
Zu verstehen, welche Ereignisse auf diesen und anderen Szenen der Bilderhandschriften dargestellt sind, wird erschwert durch zwei Hindernisse. Erstens wurden die Szenen zum grössten Teil erst etliche hundert Jahre nach den dargestellten Ereignissen niedergelegt und damit automatisch so, wie die Zeichner sich die überlieferten Ereignisse bildlich vorstellten. Zweitens wird nun alles durch die modernen Bilderhandschriftenforscher mit Begriffen und Erklärungen ausgestattet, und damit automatisch so, wie diese sich das Dargestellte erklären. Was ein Bilderhandschriftenforscher "Sonne" nennt oder "Regengottmaske", muss nicht unbedingt das sein, was der Zeichner meinte, und was ein Mixteke als "Himmelsseil" darstellte, muss nicht ein reales Seil meinen, das vom Himmel (von wo?) herabhing, damit die Sky Lords munter daran herunterturnen konnten.
Warum z.B. wird Sky Lord Acht Wind mal mit einem aufgeklappten "Adlerhelm" dargestellt, dann in voller "Adlerausstattung", und dann mit dem Beinamen "Stein Adler" (nicht: Steinadler!) versehen? Am "Adlerhelm" ist eine Art "Schnabel" oder "Rüssel", ein "scharfes edelsteinartiges Objekt" vor dem Mund oder ein "gegabelter Vegetationsstab" und eine "dekorative Magueypflanze" an der Kehle. (18) Es wird höchste Zeit, dass sich einige Paläo-SETI-Forscher einmal diesen (Codex Zouche-Nuttall) und andere mixtekische Codices vorknöpfen und modern deuten.
Was bedeuten z.B. die Daunenbälle am sonnenähnlichen Objekt, das mal am Himmel, mal auf einem Hügel dargestellt wird? Daunenbälle, so meinen einige Bilderhandschriftenforscher, seien Symbole für "fliegen". Oder was ist Yahui, die "supernaturale muschelartige Kreatur" (so John Pohl) im Codex Zouche-Nuttall, die wie ein leuchtender Ball daherfliegt oder -schwebt? Oder was bedeutet das scheibenförmige Objekt des Codex Vindobonensis, das für Cottie Burland "wahrscheinlich ein Gummiball mit heraustretenden Flammen" ist (25)? Lustig auch das "Donut-Gerät" an Nase und Auge des Sky Lord Zwölf Wind oder die "rauchende Augenbraue", die dieser im Codex Zouche-Nuttall nach seiner Herabkunft aus dem Himmel trägt. (18)
Bilderhandschriftenforscher klagen insbesondere in bezug auf die mixtekischen Codices über "schwer deutbare Details" und Seiten, "deren religiös-mythologischer Sinn sicn nur bruchstückhaft begreifen" lasse. (26)
Ganz schwierig wird es, wenn man sich all die rätselhaften Stäbe anschaut, die Sky Lords bei sich trugen bei ihrer Herabkunft von "droben". Der Forscher Williams nennt diese Stäbe "Powerstäbe supernaturaler Besucher", ohne zu verraten, was mit dieser Power denn gemeint sei. (18) Die Bezeichnung "Venusstab" ist freilich auch nur eine moderne, sich orientierend am darauf befindlichen Quincunx-Symbol. Da das uralte Quincunx-Zeichen (es sieht aus wie die Fünf auf einem Würfel) als Hieroglyphe der Venus gedeutet wird (auch Archäologen spekulieren!), reden einige Forscher u.a. vom "Speer des Morgensterns" oder eben "Venusstab". (12)
Doch die Bedeutung dieses Zeichens ist uns gar nicht bekannt. Es kommt schon in der allerersten Zeit der Olmeken vor (ab 1200 v.Chr.), als diese einen Kultusprung vom Steinzeitbauern zur Hochkultur machten, und ziert hier z.B. einen jüngst gefundenen Keramikstempel, wobei der Punkt in der Mitte durch einen Stern ersetzt ist. (28) Es wird auch spekuliert, das Zeichen sei ein Fünf-Sonnen-Symbol oder ein Symbol für den Kosmos.
Was dieses Zeichen auf den Stäben der herabsteigenden Sky Lords der Mixteken bedeutet, ist den Altamerikanisten völlig unklar. Einen Sinn ergebe dies alles jedoch, wenn man die Überlieferungen, die abgebildeten Szenen und die Symbolik vor dem Hintergrund der Paläo-SETI-Theorie betrachtet.
Übrigens bekam der Ort Apoala schon einmal in ferner Vergangenheit unerwarteten "Himmelsbesuch". Hier wurde 1889 ein 85 kg schwerer Meteorit entdeckt, der heute im National History Museum in London zu bewundern ist. Wo aber mögen die Artefakte sein, die Kunde geben könnten von den Besuchen der Sky Lords bei den Mixteken?

Codex Vindobonensis: Sky Lord Neun Wind steigt vom Himmel herab auf die Erde

Was mag unter dem Erdboden der einstigen Städte wie Tilantongo, Chalcatongo, "Rot-Weiss-Bündel", Jaltepec usw. zu finden sein? Doch wohl Antworten auf die noch ungelösten Fragen um die Kultur der Mixteken - sofern man den Archäologen endlich das Ausgraben dieser Stätten erlaubt.

Literatur:
(1) = Spores, R.: The Mixtecs in Ancient and Colonial Times. Norman, Texas, 1967
(2) = Terraciano, Kevin: Nudzahui History: Mixtec Writing and Culture in Colonial Oaxaca. Diss., University of California, Los Angeles 1994
(3) = Eggebrecht, A. (Hg.): Geheimnisvolles altes Mexiko. Hildesheim, Augsburg 1994
(4) = Robles Garcia, Nelly M.: The Management of Archaeological Resources in Mexico: Oaxaca as an Case Studie. www.saa.org/publications/oaxaca
(5) = Spores, R.: The Mixtec Kings and Their People. Norman, Texas, 1967
(6) = Abrams, H. Leon: The Mixtec People. University of Nortern Colorado Museum of Anthropology, Miscellaneous Series Nr. 57, 1984
(7) = Pohl, John: The Earth Lords. Politics of Symbolism in the Mixtec Codices. Diss. University of California, Los Angeles 1984
(8) = Boone, Elisabeth H.: Stories in Red and Black. Pictoral Histories of the Aztecs and Mixtecs. Austin 2000
(9) = Caso, Alfonso: Interpretation of the Codex Bodley 2858. Mexico City 1960
(10) = Pohl, John: Codex Bodley. www.famsi.org/research/pohl/jpcodices/bodley
(11) = Furst, Jill: Codex Vindobonensis Mexicanus I: A Commentary. Albany 1978
(12) = Anders, Ferdinand / Maarten Jansen: Schrift und Buch im alten Mexiko. Graz 1988
(13) = Caso, Alfonso: Interpretation of the Codex Selden 3135. Mexico City 1966
(14) = Pohl, John: Codex Selden. www.famsi.org/research/pohl/jpcodices/selden
(15) = Byland, B.E. / John Pohl: In the Realm of Eight Deer. The Archaeology of the Mixtec Codices. Norman, Texas, 1994
(16) = Beckwith, John: The Codex Nuttall. www.nuttal.pair.com
(17) = Nuttall, Zelia: The Codex Nuttall. New York 1975
(18) = Williams, Robert: Codex Zouche-Nuttall "Obverse". In: Text Notes on Precolumbian Art, Writing and Culture, Nr. 20, Austin, September 1991
(19) = Nowotny, Karl A.: Tlacuilolli. Monumenta Americana II. Berlin 1961
(20) = Stenzel, Werner: Das Heilige Bündel in Mesoamerika. Diss. Wien 1967
(21) = Clark, James Cooper: The Story of Eight Deer. London 1912
(22) = Caso, Alfonso: Interpretation of the Codex Colombino. Mexico City 1966
(23) = Greeleaf, Richard E.: The Inqisition and the Indians of New Spain. In: The Americas, Nr. 22, 1965
(24) = Procesos de indios idolatras y Hechizeros. In: Publicaciones des Archivo General de la Nacion. III. Mexico City 1912
(25) = Burland, Cottie / Werner Forman: Gefiederte Schlange und Rauchender Spiegel. Freiburg i.Br. 1978
(26) = Biedermann, Hans: Altmexikos Heilige Bücher. Graz 1971
(27) = Pohl, Mary / K. Pope / Chr. von Nagy: Olmec Origins of Mesoamerican Writing. www.anthro.fsu.edu/research/meso/Pohltext.doc


Mehr zum Thema:
Gisela Ermel
Das Heilige Bündel der Azteken
Kultursprung, Masterplan und Götterstimmen: Mittelamerikas rätselhafte Vergangenheit
Ancient Mail-Verlag, Gross-Gerau 2007
ISBN 978-3-935910-44-6
270 Seiten, zahlreiche Abbildungen











Kommentare:

  1. Hallo,
    ich habe das Buch "Das Heilige Bündel" gelesen und damals schon in Bezug auf einige Codices Einzelheiten analysiert, die in dem Buch nicht betrachtet werden. Inzwischen bin ich "zufällig" bei der Arbeit an einem anderen Projekt auf ein Detail gestossen, dass den Codex Zouche-Nuttal zumindest ein Stück weiter deutbar macht. Dabei geht es um die hockende Figur unten rechts in der Abbildung. Zunächst fällt auf, dass der Skylord vor ihr einen Kniefall macht. Es muss sich also, trotz der geringeren Grösse, um einen Vorgesetzten oder eine höher gestellte Person handeln. In der Sitzgelegenheit dieser Person sind sechs Balken zu sehen, die ich auf den 6. Planeten, Saturn, deuten würde. Das würde auf jeden Fall zu dem Kniefall des Skylords passen, diese Darstellung aber der Zeit zuordnen, als nach griechischen Massstäben das Zeitalter des Kronos herrschte. Nach Herodot wäre dies vor 17500 v.CHr. der Fall gewesen, dieses Datum nennt er als Zeitpunkt des Übergangs der Macht von den Titanen um Kronos an die Olympier um Zeus.
    Ist diese Deutung korrekt, ergibt sich daraus eine Deutung der dargestellten Szene. Es handelt sich dann um die Herabkunft der Engel, die sich mit Menschenfrauen vermischten, wie dies in der BIbel und im Buch Henoch erwähnt wird. Im Neuen Testament wird darauf Bezug genommen und erwähnt, dass diese Engel für ihre Sünden in den tiefsten Abgrund {oder: in den Tartarus} geworfen wurden, was auch die Griechen von Kronos und den Titanen überliefern. Möglicherweise ist dies der Grund dafür, dass diese Szene einen dunkleren Hintergrund hat als die Szenen darüber, was auf einen Raum, vielleicht eine Höhle hindeutet.
    Beste Grüsse
    Peter Nowak

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  2. Vielleicht kann ich etwas zur Deutung der Abbildung des Codex Zouche-Nuttall Seite 18 beitragen:
    Es fällt zunächst auf, dass der Bildhintergrund der unteren Szene dunkler ist als bei den Szenen darüber. Ich deute dies darauf, das die untere Szene in einem Raum oder einer Höhle spielt. Sodann ist auffällig, dass der Sky-Lord vor der rechts hockenden kleineren Person einen Kniefall macht. Das kann nur bedeuten, dass diese rechte Person trotz ihrer geringeren Grösse eine höhere Stellung einnimmt. Einen Hinweis darauf könnten die sechs Striche in der Sitzgelegenheit dieser Person bilden. Ich deute sie auf den sechsten Planeten, das wäre unser Saturn, griechisch Kronos. Nach dem persischen Schriftsteller Firdausis in seinem "Schahnameh" war Kajumars (= Kajun = Saturn) der erste "Schah" (= König) auf Erden, was auch von dem Chinesen Liä Dzi in "Das wahre Buch vom quellenden Urgrund" bestätigt wird, wo er einer der drei "Erhabenen" ist und "Erdherr" genannt wird (die anderen beiden sind Uranus = "Himmelsherr" und Zeus = "Menschenherr").
    Nach der Bibel und dem äthiopischen Henochbuch muss zu seiner Zeit die Vermischung von "gefallenen Engeln" und Menschenfrauen stattgefunden haben, denn darauf spricht 2.Petrus 2, 4 an, wo es heisst:
    "Denn wenn der Gott Engel, welche gesündigt hatten, nicht verschonte, sondern sie in den tiefsten Abgrund (oder: den Tartarus) hinabstürzend, ketten der Finsternis überlieferte, um für das GEricht aufbewahrt zu werden ..."
    Das entspricht aber der Überlieferung der Griechen, Kronos und seine Titanen seien von Zeus und den Olympiern in einem zehnjährigen Krieg besiegt und in den Tartarus geworfen worden. Nach Herodot fand dieser Machtwechsel etwa 17500 v.CHr. statt, was sich insofern mit den Angaben Manethos deckt, als diese Datumsangabe rechnerisch zu seinen Zahlen passt.
    Die obige Deutung auf Saturn/Kronos macht also im Zusammenhang mit der Herabkunft von "Skylords" (= Engeln, = Titanen = Göttern) auf die Erde Sinn. Wenn man Saturn/Kronos als Erdherrn auffasst, macht auch der Grössenunterschied zwischen den beiden Personen der untersten Szene Sinn, denn dann wäre damit der Grössenunterschied zwischen Menschen und Titanen (durch den "Skylord" repräsentiert) angedeutet.
    Alles in allem bin ich mir sicher, dass sich diese Szene darauf bezieht.
    Peter Nowak

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